05.01.2008 

berichtVon Crossing aus beginnt die Reise mit der Kutsche, zu Pferd oder zu Fuß über die mittlerweile gut ausgebaute Straße nach Westen. Vorbei an den Abzweigen zum Hospiz, nach Belle Islay und zur Feste Westberg führt die Straße direkt nach Dunncan am östliche Ufer der Feladikre. Hier wurden schon immer Westbergs Erzeugnisse nach Norden und Süden verschifft. Dunncan besteht im wesentlichen aus Pfahlbauten und Kais, deren Gründungen in das seichte Flussufer getrieben sind. Am Pier befindet sich eine beachtliche Anzahl von Lagerhäusern in denen reges Treiben herrscht und ein paar Spelunken in denen sich die Flussschiffer treffen. Am größten Pier liegt nun schon seit fast einem Jahr eine ungewöhnlich große Trimere, die Phönixthorer  „Stolz von Portos“. Ihre Besatzung besteht aus der Elite der Phönixthorer Greifengarde und einigen Händlern, die im nahegelegenen Lagerhaus ein beachtliches Warenlager angelegt haben. Hinter vorgehaltener Hand wird zwar über die „Pfauen“ gelästert und es kam auch schon zu einigen Schlägereien zwischen den Fremden und einheimischen Lagerarbeitern, aber zumindest die navigatorische Meisterleistung, diesen „Brocken“ den Feladikre hinaufzuschiffen, wird selbst von alteingesessenen Häfenbündlern geachtet. So gehören die federbewehrten Hüte der Phönixthorer mittlerweile zum Ortsbild, auch wenn ihre Gestelztheit belacht wird, denn hier im Häfenbund schwitzt man noch für sein Geld.

Die Feladikre fließt an dieser Stelle breit und träge von Nordwest nach Südost. Dies war nicht immer so. Der Flussverlauf ist zwar nach wie vor der gleiche, aber nach der Erhebung und der Landung Westbergs mussten die Navigatoren feststellen, dass ganz Westberg sich offensichtlich um seine Meridianachse ein wenig nach Westen geneigt hat. Das Wasser ist hier etwas milchig von den Sandbänken und dem Geröll aus den Falkenfelser Bergen, den der Reb, der ein paar Meilen weiter nördlich in die Feladikre mündet, mitbringt. Hier liegt bei einer Dorfwüstung die Garnison Rothwüsten, die allerdings von Dunncan aus nicht zu sehen ist. Blickt man flussaufwärts kann man bei gutem Wetter ein paar floßartige Gebilde auf dem Wasser ausmachen, eine Art schwimmendes Fort mit Namen Dunhaven das Stützpunkt der Flussmiliz ist. Angeblich kann die Flussmiliz an dieser Stelle die Feladikre mit Ketten und Sperrwerken für den Flussverkehr komplett abriegeln.

Dem Flusshafen Dunncan fast gegenüber am westlichen Ufer liegt die Flößer- und Fischersiedlung Skorgy.   Wer höflich fragt und sein Fährgeld bezahlt, wird mit einem Nachen oder einem Ruderboot übergesetzt. In Skorgy ist die Fischerei immer noch der wichtigste Handelszweig. Die Fischer unterhalten große Schleppnetze, mit denen sie allerlei Getier in der Feladikre fangen. Wer an gutem Essen und Folklore interessiert ist, sollte die Schänke „Zum Broder“ in Skorgy aufsuchen. Hier wird der Biekenfisch serviert, eine Art großer Flusskrebs mit Honig in scharfer Soße, dazu eine Rebflusstaler weiße Spätlese und zum Abschluss eine Sorlaträne, ein ortsüblicher Gerstenschnaps, der einem wirklich besagte Tränen in die Augen treibt.

Wenn die Reisenden das Drachenboot bestiegen haben, muss es zunächst von Ruderbooten in die Strömung gedreht werden. Dann übernehmen die Ruderer und der Steuermann und das Boot gleitet die Feladikre hinab. Die Uferlandschaft ist hier flach und fruchtbar, Felder und fette Weiden wechseln sich ab. Direkt am Westufer verläuft die Treidlerbank. Hier dient einbefestigter Weg den Treidlern und Treidlergespannen auch größere Schiffe flussaufwärts zu ziehen. Im Westen erheben sich etwa 20 Meilen entfernt die Lyrischen Grenzberge. Im Osten wogen die sanften Hügel der Wälder von Grünfeld.

Die Feladikre fließt träge nach Süden. Nur ab und an muss der Lotse Anweisung geben einer Sandbank auszuweichen, ansonsten genügen wenige Steuer- und Ruderschläge das Boot auf Kurs zu halten. Dem aufmerksamen Beobachter mag auffallen, dass ungewöhnlich viele kleine Nachen und Fischerboote auf dem Fluss unterwegs sind oder am Ufer liegen, nur wenige große und besegelte Boote.

Vorbei an Peycott, einer etwas größeren Siedlung mit auffällig vielen Booten die am Ufer liegen, ändert sich etwa nach 20 Meilen die Landschaft:

Eschen und Weiden säumen nun die Ufer und verbergen den Blick auf das dahinterliegende Land. Kleinere Nebenarme sind zu erkennen, teils mit Holz zu Kanälen befestigt, teils verwunschen verzweigt, dass das Auge nur wenige Schritt dem Lauf zu folgen vermag.

Das Fahrwasser wird nun deutlich schmaler und die Feladikre verzweigt sich zusehends. Der Lotse hat nun alle Hände voll zu tun, dem Steuermann die richtige Durchfahrt zu weisen und das Boot im Fahrwasser zu halten.

Das Wasser färbt sich nun sumpfig braun und ist je nach Wetterlage und Jahreszeit klar oder modrig trüb. Die Bauform der Fischerboote und Lastkähne ist hier flach und kastig und sie werden von ihrem Betreiber mit einer vier Schritt langen Stake meist in Ufernähe am Grund vorangeschoben.

Direkt an einem größeren Abzweig vom Hauptfluss steht trotzig ein steinerner Turm mit einem halben Dutzend Hütten herum. Dies ist „Der Henkrist“ ein alter Wehrturm, der über die Einmündung des Henk wacht und an dessen Zinnen in großen eisernen Schalen Ölfeuer entzündet werden können. Der Henk ist eigentlich kein richtiger Fluss, sondern ein Fließ, das je nachdem, ob Hoch- oder Niedrigwasser ist, von der Feladikre gespeist wird oder in diese Wasser abgibt. Weiter nach Süden zur Küste hin verzweigt sich die Feladikre immer mehr und wird zu einem unübersichtlichen Gewirr von Nebenarmen, Fließen, Prielen und Kanälen. Der Fremde wird erstaunt sein, wie ruhig und sicher der Lotse hier seine Anweisungen gibt, während er genüsslich an seiner Pfeife zieht und starr gerade aus blickt.

Die Feladikre quält sich nun teilweise ohne merkliche Strömung durch das Gewirr von Weiden und Schilf. Ohne sichtliche Regung gibt der Lotse dem ängstlichen Frager Auskunft:

„Jo, is wohl jeds Johr ein weng anders, d’ Maid und sucht sich ei’ junger Lieb beim Marsch“

 – was soviel bedeuten soll, dass sich der Flusslauf und die Fahrwasser hier in den Grenzmarschen jedes Jahr ein wenig verändern. Wohl wissend, dass dies den Frager nicht beruhigt, zieht er verschmitzt den Mundwinkel hoch und dem Fremden wird bewusst, dass eine Befahrung der Feladikre hier ohne einen kundigen Lotsen unweigerlich ein sumpfiges Ende findet.

Einziger Orientierungspunkt - wenn man das richtige Fahrwasser genommen hat - mag noch die Hochmotte sein, ein auf Holzbalken auf dem Moor schwimmender Umschlagplatz für Torf. Hier nebenan versucht Sir Edorian nun schon seit mehreren Jahren eine steinerne Festung in den Sumpf zu gründen. Lästerliche Zungen behaupten, er hätte nun schon die vierte Festung „versenkt“, aber dank des starken Willens des edlen Ritters haben die Flussschiffer ein prächtiges Auskommen mit dem Heranschaffen der benötigten Steine für den nächsten „Bauabschnitt“.

Wir nähern uns nun langsam der Küste. Die Feladikre fließt hier durch wogendes Binsengras und sandige Ufer. Die Landschaft ist hier menschenleer. Einzig die ersten Seevögel und der salzige Duft künden vom offenen Meer.

Je nach Tageszeit wird der Lotse das Boot zum Halten bringen oder die Rudergänger antreiben, denn die Flussmündung ist nur bei Flut zu befahren, zu weit verzweigt ist das Flussdelta und die Feladikre vermag nicht aus eigener Kraft genug Wasser unter den Kiel zu bringen.

Dem Westberger klingen noch die großspurigen Worte des Fürsten in den Ohren, dass hier dereinst ein Seehafen gebaut werden solle und die Brandung des Kristallmeeres greift nach den Bordwänden... 

 




 
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