01.01.2008 

buch1Das, was die Ewigen Mächte sind, vermag man nicht auszusprechen ~

“Erleuchtete Kinder von Mutter Erde und Vater Himmel sind wir – nur eine, der unendlichen Formen des ewigen Lebens!”
(Mor Annon, legendärer Am´auta der Elfen von Grünfeld)


Die von den Menschen Westbergs so genannten “Alten Mächte” sind nicht nur die Kräfte des Landes von denen Alles durchdrungen ist, sondern die des Lebens überhaupt – die Mächte auf denen alle Existenz beruht. Früher war dieser Glaube oder diese Art die Welt zu verstehen in ganz Westberg verbreitet, dann kam jedoch die Schwanenreligion, so dass heutzutage der Glaube an die Alten Mächte fast nur noch bei den Elfen in Grünfeld zu finden ist, wobei in den letzten Jahrzehnten auch wieder viele Menschen zu ihm zurückgefunden haben.

So wie die Alten Mächte sich in der Sprache und den Riten der Elfen darstellen, könnte man denken, dass sie die Kräfte sind, die das Leben hervorbringen und es sich um einen Glauben handelt, in dem neben Naturgeistern die Götter “Mutter Erde” und “Vater Himmel” verehrt werden.
Die Kräfte des Himmelsvaters kommen demnach im befruchtenden Regen und der strahlenden Sonne zum Ausdruck, die der gebärenden Erdenmutter in der Kraft und im Zyklus des Mondes, sowie in heiligen Höhlen, Tieren und Bäumen. Der Mond ist außerdem als Teil der Erde, der am Himmel zu sehen ist, das Symbol der lebensspendenden Verbindung von Erde und Himmel, Mutter und Vater, Frau und Mann.

Dies ist allerdings nur eine oberflächliche Betrachtung. Beschäftigt man sich näher mit den Alten Mächten, entstehen für die Meisten Schwierigkeiten im Verständnis, die daher rühren, dass hier der vermeintliche Gegensatz “der Einheit der Zweiheit“ erkennbar wird, aber gerade dies ist das Wesen der Alten Mächte – die Vereinigung von Licht und Finsternis, von Gut und Böse, Leben und Tod; ohne das Eine nicht das Andere.
Das Prinzip, dass hier am Werk ist, nennen die Elfen von Grünfeld Qhallalla bailar (Lebenstanz– der Rhythmus des Lebens), welches sie zuerst durch die verschleierten Lehren des Mor Annon vor vielen tausend Jahren zu erkennen begannen. Mor Annon wurde so zu einem mittlerweile legendären Am´auta (Kräftiger der Weisheit - Weiser Lehrer) oder wie die Menschen sagen würden Druiden, der stets darum gebeten wurde, mehr über die Ewigen Mächte zu enthüllen. Er war jedoch meist in tiefes Nachdenken und Meditation versunken und seine Aussagen waren nur schwer zu verstehen, oft sogar gab er in Trance nur fremdartige Laute von sich.

“Eine erlebte Erkenntnis ist mehr wert, als tausend vernommene Worte, denn es ist viel leichter zu erfahren als zu verstehen!”


Obwohl Mor Annon sich mit zunehmendem Alter scheinbar immer mehr von der für die anderen wirklichen Welt zu entfernen schien, er gleichsam den Mächten immer näher rückte, existieren doch einige Überlieferungen seiner Weisheiten. Diesen Umstand verdanken wir seinen getreuen Schülern, die sich stets um ihn scharten, ihn ernährten und auf lichte Momente warteten, in der Hoffnung durch seine Worte wenn auch nur einen Funken Erkenntnis über die Alten Mächte zu erlangen. Die in seinen “klaren” Momenten hervorgebrachten Weisheiten wurden von seinen Bewunderern aufgesogen wie von einem ausgetrockneten Schwamm. Oftmals jedoch verlor sich der Sinn von Mor Annons Worten in unverständlichen Sprüchen, welche von seinen Anhängern daher zunächst interpretiert und diskutiert wurden, ehe sie ihren Weg in die Aufzeichnungen fanden. Die teilweise nur mündlich überlieferten Weisheiten erfuhren in den folgenden Jahrhunderten durchaus manche Abwandlung, sie können aber immer noch ein Same sein, aus dem das Verständnis für die Alten Mächte erwächst.

“Zwei Seiten hat das Blatt und doch ist es Eins mit seinen Wurzeln”

Dieser Spruch deutet an, dass der Gedanke der Alten Mächte seinen Ursprung im Prinzip der Polarität hat, das nicht zu verwechseln ist mit dem Begriff des Gegensatzes oder Konfliktes. Ihm sind Sinnbilder, wie der Kampf zwischen Licht und Finsternis oder Gut gegen Böse völlig fremd. Das im Gegensatz zum Tod sogenannte Leben wiederspricht diesem nicht, es sind lediglich verschiedene aber zusammengehörige Formen eines Seins, ohne die der ewige Rhythmus des Lebens, die Welt aufhören würde zu existieren. Das, was hier mit “Leben” gemeint ist, wird im allgemeinen Verständnis vielleicht eher “Existenz” oder eben “Sein“ genannt. Allerdings ist der Zustand des “Todes“ kein “Nicht-Sein“, sondern nur ein Aspekt des allumfassenden, immerwährenden Lebens; der übrigens auch im alltäglichen Leben erlebt werden kann.

Der Tod, elfisch Nuna t'oqo (der Zwischenraum/Übergang zu einem anderen Bewusstsein), ist lediglich ein Neuanfang im ewigen Leben. Er ist ganz klar von der Zwischenwelt der Geister zu unterscheiden, in der Pflanzengeister ebenso wie Dämonen oder andere Arten von Geistern existieren können (Dämonen oder wandelnde Seelen werden jedoch nicht als böse angesehen, sie sind einfach Wesen, die von ihrem Weg abgekommen sind und nicht dorthin gehören, wo sie sich gerade befinden. Das sie immer wieder soviel Leid anrichten, liegt daran, dass sie mit Angst erfüllte Wesen sind und aus Furcht Wut entstehen kann, die wiederum zu Hass führt, der seinerseits die Ursache des Leides ist). Im Verständnis der Alten Mächte ist der Tod nicht nur ein Zustand zwischen “Leben“ und Wiedergeburt, sondern kann als Schwebezustand in bestimmten Lebenssituationen, meistens am Ende, das heißt gleichzeitig am Anfang von Lebensabschnitten erfahren werden.
Die Todeserfahrung ist etwas äußerst positives, da sich alle Wesen in diesem Zustand von ihrer zweigeteilten Sicht der Welt befreien können. Im Übergang zum Tode haben sie die unglaublich wertvolle Möglichkeit Weisheit und Erleuchtung zu erlangen – zu der Erkenntnis zu gelangen das Alles Eins ist. Die mit Öffnung und Verletzbarkeit, sowohl auf geistiger als auch stofflicher Ebene, einhergehende Auflösung am Übergang des Todes, führt die Seele in einen Zustand neutraler Ausgeglichenheit, sie ist in diesem Moment eins mit den Alten Mächten.
Das Erleben dieses Momentes wirkt meistens recht unangenehm und beängstigend, weil ungewohnt, besonders wenn die Seele unvorbereitet ist. Denn der bisher erfahrene Zustand des Wesens, die Zweiheit des Seins‚ das Ich und die Welt besteht in diesem Zustand der Ausgeglichenheit nicht mehr, sondern nur noch Einheit mit allen Dingen und allem Leben. Die arme Seele, die sich daher dieses Zustandes erwehrt, vermag ihren Frieden nicht zu finden - sie vereinigt sich nicht mit den Ewigen Mächten. Getrieben von der Angst, sich in der vermeintlichen Leere zu verlieren, nicht erkennend, dass dieses „Nichts“ eben Alles ist, wandelt der Geist in diesem Zwischenzustand ohne Ziel. Solche verwirrten Kreaturen finden sich in der hiesigen Welt als Geister, Untote, Wiedergänger ,Gespenster und Dämonen, wie der Volksmund sie auch immer nennen mag. Diesen verirrten Geistern den Weg zu den Alten Mächten und ihrem Ursprung zu weisen sollte aus diesem Grunde Aufgabe eines jeden Kundigen sein.

Neu sprießendes Leben ist so allgegenwärtig wie die Vergänglichkeit; aus dem Tod entspringt Leben und aus dem Leben Tod – der ewige Rhythmus des Lebens.
Das bedeutet, aus der ‚Zweiheit’ entsteht Einheit, genau wie bei der Entstehung neuen Lebens, bei dem nichts anderes geschieht als das Verschmelzen zweier Aspekte des Lebens - dem männlichen und dem weiblichen, Himmel und Erde, Verstand und Gefühl. Nach diesem Prinzip funktioniert auch das, was gemeinhin Magie genannt wird; durch die Einheit von Denken und Fühlen kommen die Dinge dazu zu existieren. Das hier verbindende und daher bedeutendste Element der Alten Mächte ist das Kallpa Munakuy (Die Energie der Liebe), die Liebe zu allem Leben, die allen Hass (z.B. auch den von Dämonen) neutralisiert. Zu lieben heißt an sich nichts anderes als einfach aufrichtig und wahrhaftig zu Sein und Alles, aber auch wirklich Alles als zum Leben gehörige und daher notwendige Aspekte anzuerkennen. Es geht also darum, das Leben, sich selbst und diejenigen, die uns nahe stehen, mit Vertrauen und ohne Furcht so anzunehmen wie sie sind und ihnen hilfreich zur Seite zu stehen, damit der Weg des Lebens zu Erkenntnis und Veränderung führt; denn Leben ist Entwicklung. Dieses Verständnis prägt das Handeln.

Im Sinne der Alten Mächte zu handeln bedeutet, nicht gegen diesen ewigen Rhythmus des Lebens zu verstoßen, nicht gegen die, sondern mit der Strömung zu schwimmen – das Prinzip zu befolgen, das die Weisen von Grünfeld Sama huaira nennen (Atmen des Windes / Götteratem – die Bewegung ohne zu handeln). Dieses “Nicht-Handeln“ ist nicht im wörtlichen Sinne zu verstehen, also nicht als Trägheit oder reine Passivität aufzufassen, sondern als Flexibilität – sich wie eine Weide im Wind verhalten. Man soll nicht nach irgendwelchen künstlichen und starren Grundsätzen handeln, um mögliche Probleme zu umgehen, sondern die naturgegebenen Kräfte des Lebens (durchaus aktiv) nutzen, um seinen Lebensweg zu meistern und sich weiterzuentwickeln. Den Alten Mächten zu folgen, bedeutet also mit geringem Aufwand an eigener Kraft den Weg des Lebens (auch im Tod) zu beschreiten, ohne Gewaltanwendung und ohne unnötige Eingriffe in die uns umgebenden Umstände der natürlichen Ordnung.

“Mit den Ewigen Mächten zu leben bedeutet, den Wald betreten, ohne dass sich das Laub bewegt; ins Wasser steigen, ohne dass eine Welle sich kräuselt!”

In diesem Sinne kann nur jeder für sich selbst die Alten Mächte “er-leben“...


Andreas Poetsch und Dirk Fuhrmann, März 2003




 
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